Von der Spielerei zur Strategie

Können Sie den Begriff KI manchmal auch nicht mehr hören? Geht uns auch so! Und trotzdem herrscht überall eine seltsame Mischung aus Neugier, Überforderung und dem leisen Gefühl, irgendwie den Zug zu verpassen. Die gute Nachricht: Der Zug fährt erst so richtig an. Wer jetzt klug einsteigt, hat sogar einen Vorteil gegenüber denen, die in der ersten Phase eine blinde Euphorie entwickelt haben.
Die Beratungsfirma Gartner bildet neue Technologiewellen mit dem Hype Cycle ab: Erst schiesst die Begeisterung nach oben, dann folgt die Ernüchterung. Und nach ernsthafter Auseinandersetzung entsteht echter Nutzen. Generative KI befindet sich aktuell im «Trough of Disillusionment», dem Tal der Ernüchterung. Der Hype ist vorbei, die Realität hat eingesetzt.

Erst der Hype, dann die Hausaufgaben
Was heisst das konkret für KMU? Dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen ist, den «Zug zu besteigen» und sich ernsthafte Gedanken zu machen, wie KI das eigene Unternehmen verändern könnte. Nicht bloss mit der Nutzung von LLMs (Large Language Models wie ChatGPT oder Claude), um beispielsweise Ideen zu generieren, wie ein verbessertes Onboarding für neue Mitarbeitende aussehen könnte. Laut Gartner haben die in einer Studie untersuchten Unternehmen 2024 im Schnitt fast zwei Millionen Dollar in KI-Projekte investiert. Weniger als 30 Prozent waren mit dem Ergebnis zufrieden. Nicht weil KI enttäuschte, sondern weil sie wie ein neues Tool eingeführt wurde, ohne die Organisation zu verändern. Das ist, als würde man planen, die nächste Tour de France mitzufahren, obwohl man seit zehn Jahren kaum Sport getrieben hat. Trotz des neuen, ultraleichten Carbon-Rennrads wundert man sich, wieso man nicht so schnell ist wie die anderen.
Vielleicht poppt bei Ihnen gerade die Frage auf: «Wo beginnen wir genau?» Darauf gibt es nicht die eine richtige Antwort. Doch das folgende KI-Lern- und Verständnismodell liefert wertvolle Inspirationen, wo man steht und wie man beginnt.
«Das ist, als würde man planen, die nächste Tour de France mitzufahren, obwohl man seit zehn Jahren kaum Sport getrieben hat.»

Stufe 01: Erst ausprobieren, dann verstehen
Bei KI ist der Einstieg so niederschwellig wie kaum je zuvor: Ein Chatbot hier, ein KI-gestützter Textvorschlag da, ein Analysetool für die Buchhaltung dort. Stufe 01 ist die Welt der gelungenen Experimente und schnellen ersten Erfolge. Und die sind wichtig. Viele KMU sind heute auf dieser Stufe und fragen sich, ob das schon «genug» ist. Als Einstieg: ja. Als Endpunkt: nein. Wer KI dauerhaft nur als nettes Tool nutzt, ohne den Rest der Organisation mitzudenken, wird feststellen, dass die Effizienzgewinne klein bleiben und die Wirkung schnell verpufft.
Stufe 02: Prozesse neu denken – hier liegt viel Potenzial
Wer über KI und Wertschöpfung spricht, landet früher oder später auf der Ebene der Prozesse und Geschäftsmodelle. Rechnungsverarbeitung, Recruiting, Offerten, Kundeninteraktion – in fast allen operativen Bereichen gibt es Prozesse, die mit KI besser laufen könnten. Der wirtschaftliche Hebel ist real. Aber wer einfach KI über bestehende Prozesse legt, ohne diese zu hinterfragen, automatisiert im schlimmsten Fall das Falsche schneller. Die entscheidende Frage ist nicht: «Wie können wir diesen Prozess mit KI abbilden?» Sondern: «Warum machen wir das überhaupt so und wie sollte es idealerweise laufen?»
Stufe 03: Future Skills – nein, nicht das Prompten
Skills im KI-Zeitalter bedeuten nicht, dass alle Prompt-Engineering lernen müssen. Das wäre so, als hätte man bei der Einführung des Taschenrechners verlangt, dass alle die Elektronik dahinter verstehen. Was zählt, sind die Fähigkeiten, die KI nicht ersetzen kann, wie etwa kritisches Denken («Sensemaking»), um Vorschläge aus KI und sozialen Medien kritisch zu hinterfragen und Muster zu erkennen. Oder Flexibilität, um als Individuum und als Organisation schnell auf Veränderungen zu reagieren. Oder tatsächlich wieder vermehrt kreatives Denken. Denn KI liefert uns nur Ideen, die auf bereits bestehende Lösungen aufbaut. Sie «erfindet» nicht wirklich Neues.
Das führt zur Leitfrage: Wie können wir permanentes Lernen in die Kultur der Organisation implementieren? Denn immer mehr verliert die klassische Weiterbildung mit punktuellen Seminaren oder Trainings an Wert. Weil sie keine anhaltende Wirkung erzielt. Es gilt auch in KMU, eine Umgebung zu schaffen, in der Menschen permanent Neues lernen, ausprobieren, trainieren und neue Fähigkeiten festigen können.
Stufe 04: Kultur – ein unsichtbarer, aber entscheidender Faktor
Es gibt Unternehmen, die haben die besten KI-Tools, die klarsten Prozesse und gut geschulte Mitarbeitende, und trotzdem passiert nichts. Weil die Kultur nicht stimmt. Wenn KI als Bedrohung oder Kontrollwerkzeug erlebt wird, wird sie nicht genutzt. Oder schlimmer: formal eingeführt und dann still ignoriert. Die entscheidende Kulturfrage lautet: Wird KI bei uns als Erleichterung oder als Bedrohung erlebt? Die Antwort hängt weniger von der Technologie ab als davon, wie Führungskräfte das Thema einführen, kommunizieren und vorleben. Für KMU liegt hier ein konkreter Vorteil: Kurze Entscheidungswege, kleine Teams, direkte Kommunikation. Wer sie nutzt, kann eine KI-Kultur aufbauen, für die Grosskonzerne Jahre brauchen.
Stufe 05: Purpose – wofür stehen wir als Organisation? Und wofür nicht?
«Wofür setzen wir KI ein und wofür bewusst nicht?» ist keine philosophische Spielerei, sondern eine Positionierungsfrage. Unternehmen, die das klar kommunizieren können, gewinnen Vertrauen bei Mitarbeitenden, Kunden und Partnern gleichermassen.
Wann selbst ausprobieren, und wann begleiten lassen?
Auf Stufe 01 und 02 lässt sich einiges selbst ausprobieren, ab Stufe 03 geht es kaum mehr ohne professionelle Begleitung. Nicht, weil die Fragen zu schwer wären, sondern weil der Blick von aussen den Unterschied macht zwischen einem KI-Pilotprojekt, das im Sand verläuft, und einer Transformation, die wirklich etwas verändert.
«Was zählt, sind die Fähigkeiten, die KI nicht ersetzen kann, wie etwa kritisches Denken, um Vorschläge aus KI und sozialen Medien zu hinterfragen […]. Oder tatsächlich wieder vermehrt kreatives Denken.»
Was KMU nicht beeinflussen können – und doch kennen sollten
Die Pyramide steht nicht im luftleeren Raum. Drei externe Kräfte formen den Kontext, und alle drei werden in den nächsten Jahren relevanter.
- Bildung: Was bringen neue Mitarbeitende an KI-Kompetenz mit? Oder eben nicht? Wer darauf wartet, dass «die Jungen das schon können», wird enttäuscht sein.
- Politik und Regulierung: Der EU AI Act ist in Kraft. Datenschutz, Transparenzpflichten und Haftungsfragen sind operative Realitäten, keine abstrakten Konzepte. Wer sich frühzeitig informiert, spart später Aufwand.
- Medien und öffentliche Meinung: Das KI-Narrativ schwankt zwischen Heilsversprechen und Dystopie. Ein Grund, die eigene KI-Kommunikation bewusst zu gestalten.

Markus Müller und Ferdinando De Maria
SOULWORXX GmbH
SOULWORXX begleitet KMU mit dem Fokus auf Mensch und Organisation. Die erste Standortbestimmung dauert einen Tag. Die dabei entstehenden «To Do’s» begleiten wir punktuell mit Moderation und Coaching. Bei kulturellen Anpassungen helfen wir mit unserem Wissen, wie man Mitarbeitende mit passenden Massnahmen an Bord holt.
Wer unverbindlich einen ersten Check machen möchte, kann dies mit unserem kostenlosen KI Readiness Check für KMU tun:
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